LUDWIG DINNENDAHL


Bildhauer

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Ludwig Dinnendahl

Skulpturen und Skulpturenentwürfe

 

Ausstellung in der Städtischen Galerie Dortmund im Torhaus Rombergpark vom 26.10. bis 16.11.2008

 

Der Philosoph Friedrich Wilhelm Schelling charakterisierte einen Künstler durch die Fähigkeit, Intellekt und Intuition so zu verbinden, dass   „die Kunst ihrem Werk mit der höchsten Klarheit des Verstandes zugleich jene unergründliche Realität erteilt, durch die es einem Naturwerk ähnlich erscheint“ (1807). 

Wenn Sie nun die Skulpturen und Skulpturenentwürfe von Ludwig Dinnendahl betrachten, sehen Sie dann Kunstwerke, die der Natur ähnlich sind?
Auf den ersten Blick sehen Sie Form, kühle Reduziertheit und intuitiv erfahrbare Ordnungen und Proportionen, die zunächst alles Symbolische und Narrative zurückweisen – gleichwohl gründen diese Werke auf Naturbeobachtung und Naturphänomene. Ludwig Dinnendahl sagt: Ausgangspunkt meiner Kunst ist die Natur.

Der Künstler, 1941 in Hamminkeln – Dingden geboren und über viele Jahre/Jahrzehnte in Beckum ansässig und in Oelde als Kunsterzieher tätig, wählt ein in der Natur beobachtetes Phänomen, das er in einem hohen Grad der Abstraktion der natürlichen Erscheinung zu einer Gestaltungsidee verdichtet und in einem auf Konstruktion beruhenden Arbeitsprozess in eine Form bringt.

In der Arbeit aus der Serie „Man muss weggehen können…..“ erkennen wir ein vertikal aufragendes balkenartiges Formelement aus Holz, das zunächst wie ein Turm anmutet. Vier Zapfen greifen in den Sandsteinsockel, verankern quasi das Holzstück in einem festen Fundament, Holz und Stein gehen derart eine formschlüssige Verbindung ein. Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die Beobachtung eines Baumes, dessen Wurzeln in die felsigen Spalten  wachsen,wie in höheren Bergregionen, wo Bäume auf felsigem Grund Halt suchen. Das stark abstrahierte Gefüge aus Holz und Stein bildet hier in seinen ausgewogenen Formrelationen und seiner Massenverteilung eine organisch wirkende Einheit.
Ein neues Thema ist der Grat, also die oberste Kante eines scharfen Bergrückens, hier im Modellstadium ausgestellt. Präzise ist der Grat, als geomorphologischer Objekttypus eine Vollform, vor allem des Hochgebirges mit nach den beiden Seiten steil abfallenden Böschungen oder Hängen. Bereits im Modell ist zu erkennen, wie der Formwille des Künstlers der Natur folgt und sich exakt auf diesen Punkt konzentriert: den schmalen Grat.
Ludwig Dinnendahls bildhauerische Konzeption mündet stets in Werken, in denen ein Streben nach Proportion, Präzision und Harmonie geborgen ist.
Kunst verschmilzt Form und Inhalt zu jenem Anderen, das nicht einfach die Summe der Addition beider bildet, sondern sich aus den Rätseln und Geheimnissen des Verschmelzungs – und  Abstraktionsprozesses verdichtet. Dabei spielt auch das Material eine besondere Rolle. So verschiedenartig die Werkstoffe auch sein mögen – Holz und Stein – so gehen sie doch eine formale wie auch sinnlich erfahrbare Symbiose ein, verschmelzen miteinander, es gibt keinen Bruch, keinen Dualismus, kein gegenseitiges Abstoßen, keine bewusste Konfrontation, sondern vielmehr ein Ineinandergleiten. Sandstein oder Muschelkalk mit Eichenholz, das durch die Behandlung mit weißer Farbe seinen Holzton verliert. Ludwig Dinnendahl setzt das Weiß jedoch nicht deckend ein, sondern reibt die Farbe sorgfältig ein, so dass die Physiognomie,die Charakteristik des Holzes, die Maserung, die Jahresringe weiterhin lesbar sind.
Das neutrale Weiß wird also nicht zur Erzeugung einer Illusion, einer Ablenkung eingesetzt, sondern es nivelliert Gegensätze und fordert zur konzentrierten Betrachtung auf.
In den 1920er Jahren wurde – vor allem ausgehend vom Bauhaus – das Weiß verstärkt proklamiert und fest mit den Begriffen Moderne und Avantgarde verknüpft, dem Verzicht auf Ornament und organische Formen korrespondierte der Verzicht auf Farbe. Weiß bedeutete die Überwindung von Schwulst und Schwere, bedeutete Freiheit, Reinheit, Geistigkeit. Auch die Minimalisten nutzten in methodischer Weise weißes Farbmaterial und deklinierten es nach ihren Regeln. Auch Ludwig Dinnendahl widersetzt sich einer symbolischen Aufladung der Farbe. Für ihn ist Weiß vielmehr die Farbe, die „sichtbar macht“: so offenbaren sich Momente des Meditativen.
I
n einer zunächst einfach lesbaren Formlogik und schematischen Klarheitsehen wir Treppen: Ludwig Dinnendahl will diese Treppen – gearbeitet in Basalt – aber nicht bewusst als architektonische Form verstanden wissen.Vielmehr nutzt er sie als Metapher für die Stufen des Lebens, die Treppen, die wir erklimmen müssen, um ein Ziel, eine Erwartung, eine nächste Lebensstufe zu erreichen, aber das geht nicht immer geradewegs, sondern wir können auch in eine Schieflage geraten oder die Treppen enden vor einer unüberwindbaren hohen Mauer, wir müssen umdenken, einen anderen, einen neuen Weg gehen.

In seinen „Gestuft“en Arbeiten stellt er auch die Vorstellung eines rein normativen Ordnungssystems, das mathematischen Prinzipien folgt, in Frage. Hierin unterscheidet sich Ludwig Dinnendahls Ansatz von den Formationen und Kompositionen der Minimalisten oder auch der Konstruktivisten, die ihre Gestaltungsideen ausschließlich auf mathematisch – logische Gesetze, symmetrische Teilungen und systematische Serialität stützen.
Das Treppenmotiv findet sich auch in einem der neuern Entwürfe, wobei wir zunächst nur einen monolithischen Block wahrnehmen. Bei der Annäherung erkennen wir eine rechteckige Öffnung und stoßen beim Hineinblicken auf eine absteigende Treppe im Innern. Der Betrachter nimmt das Ganze der Skulptur durch eine Folge von Standorten wahr: ein Systemkern, der von den Außenwänden hermetisch abgeschlossen scheint und doch offen gestaltet ist und eine formale Idee in sich birgt. Diese Idee ist faszinierend, allein die handwerkliche Ausführung in Stein ist ungeklärt.
Aber hier möchte ich auf Sol LeWitt verweisen, bekannter Vertreter der Minimal Art, der die Gleichwertigkeit von Idee, Werkskizze, Modell und realisiertem Werk proklamierte. Er vertrat die Meinung, dass auch „nur“ die Ideen Kunstwerke sein können, d.h. in letzter Konsequenz, dass ein Kunstwerk auch nur auf das Konzept bzw. den Entwurf reduziert werden kann. Das realisierte Werk wird als Information verstanden, welche die innewohnende Idee veranschaulicht. Diese Position vertritt auch Ludwig Dinnendahl in dieser Ausstellung, in der er gleichwertig  Skulpturen und Skulpturenentwürfe nebeneinander auf Podeste stellt und so auch das Modell, die Idee in den Rang eines Kunstwerkes hebt, um auch die künstlerischen Prozesse zwischen Konzept und Werk anzudeuten.
Im Kopf hat Ludwig Dinnendahl neue, noch virtuelle Ideen, die sich auch aus seiner neuen Lebenssituation in Berlin ergeben. Seit gut einem Jahr ist er dort mittlerweile beheimatet, vor 4 Wochen hat er dort sein neues Atelier an der Neumagener Str. eröffnet. Aber es ist sicherlich nicht nur die neue Umgebung, die ihn inspiriert, sondern immer wieder der Drang, die innere Notwendigkeit, der Ehrgeiz, zu einer grundlegenderen, reduzierten Form zu kommen, um die visuelle und materielle Wirklichkeit in ästhetische Normen zu übersetzen.

 

Dr. Andrea Brockmann

Kunst und Kulturwissenschaftlerin
Leiterin der Galerie Münsterland Emsdetten